Atomkrieg aus Versehen – mangelndes Problembewusstsein

Informationen über Alarmmeldungen sind nur teilweise verfügbar

In der Vergangenheit sind viele Fehlalarme bekannt geworden, die zu gefährlichen Situationen führten. Dies gilt aber nicht für alle kritischen Situationen, denn falsche Alarmmeldungen über Raketenangriffe unterliegen der Geheimhaltung und werden in der Regel nicht veröffentlicht. Zu Beginn der 1980er Jahre gab es verschiedene Presseberichte über Fehlalarme und gefährliche Situationen. Als Folge hat der Senat der USA eine Untersuchung eingeleitet, deren Ergebnis veröffentlicht wurde. Für einen bestimmten Zeitraum zwischen 1979 und 1980 gibt es deshalb Erkenntnisse über alle kritischen Vorfälle im amerikanischen Frühwarnsystem. Andere Vorfälle wurden durch Äußerungen von Beteiligten teilweise erst Jahrzehnte später bekannt. In manchen Fällen (z.B. https://www.spiegel.de/einestages/kuba-krise-1962-falscher-abschussbefehl-fuer-atomraketen-a-1060165.html ) basieren die Informationen auf Aussagen einer einzelnen Person, die nicht mehr überprüft werden können, da andere beteiligte Personen nicht mehr leben.

Aus der Tatsache, dass aus den letzten Jahren oder Jahrzehnten keine oder nur wenige Fehlalarme bekannt sind, kann nicht der Schluss gezogen werden, dass das Risiko eines Atomkriegs aus Versehen durch Fehlalarm derzeit nicht besteht. Denn solche Situationen unterliegen der Geheimhaltung und werden nicht oder erst sehr viel später bekannt. Statistiken zu Fehlalarmen und gefährlichen Situationen in bestimmten Zeiträumen sind deshalb für eine Beurteilung der aktuellen Gefahrenlage nicht relevant.

Vergleich 1980er Jahre – heute

In den 1980er Jahren hatten die meisten Menschen den 2. Weltkrieg erlebt oder kannten vieles aus Erzählungen der Eltern. Deutschland lag an der Grenze zum potentiellen Gegner und Atomwaffen wurden hier stationiert. Damit war es leicht ein entsprechendes Problembewusstsein zu erzeugen und die Bevölkerung zu Protesten zu motivieren. Anknüpfungspunkte für eine Protestbewegung waren vor Ort.

Heute sind Kriegserlebnisse weit entfernt. Deutschland liegt nicht mehr an der Grenze zu einem möglichen Feind, sondern in der Mitte von Europa und wird derzeit nicht als Kriegsschauplatz betrachtet. Bis auf die vermuteten Atomwaffen in Büchel gibt es keine Anknüpfungspunkte für eine Protestbewegung. Andererseits sind die Gefahren heute aber deutlich größer als in den 1980er Jahren (siehe andere Punkte zu „Atomkrieg aus Versehen  – Schneller Einstieg ins Thema“). Als Anknüpfungspunkte müssten die großen Atommächte wie USA, Russland, China, Indien, Pakistan, usw. gewählt werden, was schwer realisierbar ist. Auch wenn Deutschland nicht direkt ein Zielland eines atomaren Angriffs wäre, könnten die Auswirkungen z.B. durch einen nuklearen Winter auch hier katastrophal sein.

Nicht vorhersehbar – plötzliches Ereignis

Ein „Atomkrieg aus Versehen“ ist nicht direkt vorhersehbar. Wie bei sonstigen Unfällen in technischen Systemen gibt es keine Vorwarnung. Wie ein „normaler Unfall“ kann ein Atomkrieg aus Versehen plötzlich innerhalb weniger Minuten ausbrechen. Danach ist keine Korrektur mehr möglich. Bei normalen Unfällen werden hinterher oft Maßnahmen getroffen, um solche Risiken in Zukunft zu vermeiden. Nach einem atomaren Schlagabtausch wird es eine solche Zukunft kaum noch geben. Beim Atomkriegsrisiko können wir mit Maßnahmen zur Reduzierung dieser Risiken nicht warten, bis es einen ersten „Unfall“ in Form eines „Atomkriegs aus Versehen“ gegeben hat.

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